Schuld

Jedes Mal, wenn ich erzähle, dass mein Mann gestorben ist, kommen zwei Fragen auf: “Wie alt war er” und “Wie”.

Er war 40 Jahre alt.

Wie? Ich erzähle dann die Kurzfassung. Medikamente, Nebenwirkung, Psychose, Tod.

Seltsamerweise sind die Leute dann erleichtert. Wieso ist jemand erleichtert, wenn ich die Geschichte eines vollkommen unnötigen Todes erzähle? Das ist eine Sache, die jeden betreffen kann. Trotzdem geht ein Aufatmen durch die Leute. Kein Krebs. Kein Unfall. Es war ein Suizid. Selbst schuld.

Meine Theorie, und sie ist sicher nicht nett und sicher nicht vollständig, und ja, es gibt Leute, die ganz anders reagieren, und diese Leute schließe ich fest in mein Herz, jedenfalls, meine Theorie: Man will wissen, ob es einem selbst passieren könnte. Und Gott sei Dank, er war es selbst.
Tja, die Wahrheit ist, dass es jedem passieren kann. Denn was vergessen wird: Das war nicht mein Mann. Das war nicht der Jan, den ich kannte. Das war ein von irrationalster Angst zerfressener, von abstrusen Vorstellungen besessener Fremder, und das war er nur, weil er Cortison genommen hatte (Cortisonpsychose ist eine seltene Nebenwirkung hoher Cortisongaben). Also, ja, leider, es kann jedem passieren. Es kann passieren, auch wenn man sich liebt, auch wenn man eine tolle Beziehung hatte, auch wenn man einen Job hat, den man mag, auch wenn alles ansonsten völlig in Ordnung ist. Wenn man keine Schulden hat, keine kleinen Kinder frisst und keine lebenslange Depressionskarriere hinter sich hat. Es kann wirklich jeden treffen. Es ist nichts weiter als ein Unfall.

Natürlich stehe ich mit dieser Ansicht ziemlich allein da, sie wird ansonsten nur noch von meiner Therapeutin und meinem Arzt geteilt. Leute suchen einen Grund, der leichter fassbar ist, der nicht so verdammt beliebig und sinnlos ist. Sie suchen einen Schuldigen. Für viele bin ich das. Und ja, natürlich trage ich die Schuld an seinem Tod – wäre ich nicht zur Arbeit gegangen, hätte er sich an dem Tag nicht umgebracht, und vielleicht wäre es am nächsten Tag schon so viel besser gewesen, dass er es nicht getan hätte. Aber das ist das ganze Ausmaß meiner Schuld.
Natürlich höre ich oft, dass  ich es mir zu einfach mache, dass es tieferliegende Gründe hätte geben müssen. Nein. Musste es nicht. Seine Krankheit ist vergleichbar mit der Wochenbettdepression und ähnlich plötzlich und heftig, und da fragt (hoffentlich) auch niemand den Ehemann, ob er nicht netter zu seiner Frau hätte sein müssen.

Aber wieso ist es so schwer zu akzeptieren, dass das der einzige Grund war? Wieso brauchen wir denn einen Schuldigen? Wieso müssen wir unbedingt jemanden bewüten und verachten, und wieso muss das ausgerechnet der Mensch sein, der am meisten verloren hat? Suizid-Witwen sind in einer beschissenen Situation: Sie haben ihren Mann verloren und sie haben den Eltern den Sohn und den Geschwistern den Bruder genommen. Wenn es so etwas wie ein Ranking der Witwen gibt, stehen wir ganz, ganz unten: selbst schuld. Und weil wir laut und nervig sind und weil wir für einen unbequemen Verlust stehen, sind wir leicht zu verachten.

Die Welt funktioniert so nicht – sie ist komplexer, es gibt keine einfachen Wahrheiten. Nicht hier. Oder doch: Jan ist an einer Medikamentennebenwirkung gestorben. Das ist die Wahrheit, und sie ist beschissen, sie ist schwer zu ertragen. Sein Tod war wahllos und unnötig, eine Verkettung zu vieler unglücklicher Zufälle. Aber das ist die Wahrheit, und das ist alles. Manchmal trägt niemand eine Schuld. Warum ist es so schwer, das zu akzeptieren?

“Wir müssen Ihnen eine traurige Mitteilung machen.”

Jan

Sie kommen immer zu zweit. Es sind immer zwei Polizeibeamte in Zivil, die Todesnachrichten überbringen. Ich war zu Hause, glücklicherweise, als es passiert ist. Glücklicherweise, denn vorher haben sie nach mir an meiner Arbeitsstätte gesucht, und ich will nicht darüber nachdenken, was das mit mir gemacht hätte.

An dem Tag, als Jan gestorben ist, bin ich morgens ganz normal zur Arbeit gefahren. Wir hatten ganz normal gefrühstückt. Ich habe ihn gefragt,  ob er uns einen Apfel für das Müsli schneiden kann. Ich hatte eine Jeans an, eine Bluse und einen weichen, beige-farbenen Pullover, weil es kalt war. Es war Ende November und sehr ungemütlich, der Himmel war schon seit Wochen grau. Aber das war mir egal. Ich hatte meinen Mann wieder.

Jan war nach sechs Wochen im Krankenhaus endlich wieder da. Er war mit starken Bauchschmerzen und einer Koprostase von einer Dienstreise zurückgekehrt. Ich muss immer daran denken, wie ich ihn vom Flughafen abgeholt habe – normalerweise haben wir einander nicht während der Arbeitszeit vom Flughafen abgeholt, aber ich hatte das Gefühl, dass ich das machen sollte. Den Gesichtsausdruck, als er mich gesehen hat, werde ich nie vergessen. Ungläubig, verstört. Er hatte gerade in dem Moment versucht, mich anzurufen. Es war sofort klar, dass was nicht stimmte.

Wir sind sofort ins Krankenhaus gefahren. Krankenhäuser sind seltsam, wenn man nichts wirklich Offensichtliches hat, die Diagnostik lief langsam an, und am Abend waren wir nicht wirklich viel weiter. Jan hatte starke Schmerzen und war inzwischen morphinpflichtig, aber trotzdem kam er auf die chirurgische Station, damit sie ihn da auf ein CT vorbereiten konnten. Mitten in der Nacht hatten sie dann endlich Zeit für ein CT, fast acht Stunden nachdem ich ihn eingeliefert hatte. Von da an wurde die Koprostase behandelt.

Das hätte das Ende sein können. Das hätte das Ende sein müssen. Aber ein Kontrastmittel-CT brachte dann noch ans Licht, dass er einen kleinen Niereninfarkt und einen weiteren Gefäßverschluss hatte. Das war natürlich unschön, wenn auch ziemlich harmlos – die vermutete Ursache war eine Thrombose durch den Flug und dadurch, dass er dehydriert war. Aber wie kam der Thrombus ins arterielle System? Dafür kam nur ein Loch in der Herzscheidewand in Frage. Nur konnte man keins finden.

Da wurde er dann zu einem Mysteriösen Patienten. Ich glaube nicht, dass er eine Fachrichtung ausgelassen hatte, er hatte sämtliche Diagnostik, die man sich vorstellen konnte, bis hin zu seltenen Autoimmun- und Tropenkrankheiten. Alles war ohne Befund. Trotzdem wurde er mit Cortison behandelt, denn wenn es doch eine der seltenen Autoimmunerkrankungen sein sollte, dann war es wichtig, keine Zeit zu verlieren.

In der Zwischenzeit wurde noch ein Herz-Ultraschall gemacht. Und da wurde dann endlich das winzige Loch in der Herzscheidewand gefunden, das seine Symptome restlos erklärte.
Zu spät. Jan, mein wunderbarer, fröhlicher, ausgeglichener, brillanter Mann, war zu dem Zeitpunkt und rasend schnell in eine Psychose abgeglitten. Er hatte Todesangst, konnte nicht schlafen, wusste mit absoluter Sicherheit, dass er todkrank war, wusste, dass unser Leben nie wieder normal laufen würde, dass es vermutlich nicht mehr lebenswert war. Ich wusste, dass etwas nicht in Ordnung war, und ich wusste, dass er vermutlich eine Cortison-Psychose entwickelt hatte. Das geht vorüber. Aber es ist schwer auszuhalten, vor allem für jemanden, der noch keine Erfahrung mit psychiatrischen Erkrankungen hat. Jan hatte keine.
Weil er noch im Krankenhaus erwähnte, dass er ununterbrochen darüber nachdenkt, sich das Leben zu nehmen, wurde er in der Kopfklinik untersucht. Er bekam einen Termin für eine ausführlichere Untersuchung: für März des nächsten Jahres. Er wurde dann als gesund entlassen, er musste das Tavor absetzen, dass ihn bis dahin ruhig gehalten hatte, und er war inzwischen so paranoid, dass er das Antidepressivum, das sie ihm verschrieben hatten, nicht nehmen wollte. Er wollte auf keinen Fall psychisch krank sein, und er wollte auf keinen Fall im Krankenhaus bleiben.
Am Freitag wurde er entlassen. Am Wochenende sind wir zu seinen Eltern gefahren, haben Kuchen gegessen und sind spazieren gegangen. In der Woche darauf hatte er einen Termin in der Klinik für ein abschließendes MRT, und er wollte selbst hinfahren. Der Termin wäre morgens, meinte er. Ich wusste ihn da in sicheren Händen. Und bin zur Arbeit gefahren.

Meine letzten Worten an ihn waren “Ich hab dich lieb! Bis später!”

Er hatte wirklich einen Termin in der Klinik. Ich werde nie erfahren, ob er wirklich gedacht hat, der Termin wäre um neun anstatt um 14:00 Uhr, und ich werde nie erfahren, ob er mich absichtlich getäuscht hat. Vielleicht wollte er mich aus dem Weg haben. Vielleicht ist er wirklich losgefahren, hat gemerkt, dass er zu früh ist, und hat die falsche Abzweigung genommen. Ich wüsste das wirklich gerne. Anhand der GPS-Daten seines Autos weiß ich nur, dass er irgendwie nach Forchheim und dann weiter auf die Autobahn gefahren ist, fast bis nach Bamberg. Er hat dann das Auto an den Bahngleisen stehen gelassen.

Während sich mein Mann das Leben genommen hat, war ich bei der Arbeit und habe mit meiner Kollegin darüber gesprochen, wie wir in Zukunft weniger arbeiten und mehr für uns tun wollen. Ich war glücklich. In dem Moment war ich schon Witwe.
Als ich ihn am Telefon nicht erreichen konnte, habe ich mir noch keine Sorgen gemacht. Er hatte einen Termin im Krankenhaus! Natürlich konnte ich ihn da nicht erreichen. Als um zwei Uhr nachmittags das Krankenhaus angerufen hat, um nachzufragen, wo er bleibt, hatte ich ein seltsames Gefühl. Kalt. Als würden meine Eingeweide flüssig. Ich konnte ihn immer noch nicht erreichen. So schnell es ging,  bin ich nach Hause gefahren. Natürlich wusste ich, dass etwas Schreckliches passiert war. Ein Unfall vermutlich,  vielleicht war er zusammengebrochen. Vielleicht würde ich ihn tot finden. Hoffentlich war ich nicht zu spät. Einen kurzen Moment der Hoffnung hatte ich, als das Auto nicht in der Einfahrt stand. Ich habe ihm Emails und Kurznachrichten geschrieben und ihn angerufen, immer wieder, aber ich konnte ihn nicht erreichen. Auf dem Rückweg kam mir ein Auto mit Bamberger Kennzeichen entgegen, das mir seltsam vorkam. Ein alter grüner Audi.

Eine Stunde später stand der alte Audi wieder vor meinem Haus, und zwei Männer kamen an meine Tür. Ich werde nie vergessen, wie sie den Weg an unserem Haus vorbei entlang gingen, wie ich aus dem Fenster schaute, wie ich nicht dachte, dass es Jan wäre – nicht einen Moment. Die Türklingel. Aufstehen, zur Tür gehen. Die beiden Männer, die mir ihre Marke zeigen. Sie fragen nach meinem Namen, sie fragen, ob sie reinkommen dürfen, sie sagen mir, dass sie eine schreckliche Nachricht für mich haben. Meine Welt endet an einem grauen Novembernachmittag.

Ich hab dich lieb, Jan.  Bis später.